Vorteile & Anwendungen

Gewichtskuscheltier bei Autismus

6 Min. LesezeitRedaktion

Kurz gesagt

Ein Gewichtskuscheltier kann für autistische Kinder und Erwachsene ein schöner Ruhepunkt sein, zum Beispiel nach einem vollen Tag oder bei Übergängen. Die Forschung zum Kuscheltier selbst steht noch am Anfang; bei Gewichtsdecken veränderte sich der gemessene Schlaf autistischer Kinder nicht, aber Familien empfanden die Decke als angenehm. Lass die Person immer selbst wählen, dann wird das Kuscheltier wirklich zu ihrem eigenen Ruhepunkt.

In diesem Artikel
  1. Warum kann sich fester Druck bei Autismus gut anfühlen?
  2. Was sagt die Forschung über Autismus und beschwerte Hilfsmittel?
  3. In welchen Momenten kann ein Gewichtskuscheltier nützlich sein?
  4. Wie bietest du das Kuscheltier behutsam an?
  5. Ist ein Gewichtskuscheltier auch etwas für autistische Erwachsene?
  6. Wann holst du dir Unterstützung aus der Ergotherapie?
  7. Häufige Fragen

Viele autistische Kinder und Erwachsene nehmen Geräusche, Licht, Trubel oder Berührungen stärker oder anders wahr als die Menschen um sie herum. Ein Tag voller Reize kann dann viel Energie kosten. Ein Gewichtskuscheltier kann dabei ein schöner Ruhepunkt sein: etwas Weiches und Schweres zum Festhalten nach einem vollen Tag oder in einem aufregenden Moment. Hier liest du, was es geben kann und wie du es so nutzt, dass es zu der Person passt.

Warum kann sich fester Druck bei Autismus gut anfühlen?

Fester, gleichmäßiger Druck auf den Körper heißt Tiefendruck. Denk an eine feste Umarmung oder eine schwere Decke. Manche Menschen empfinden leichte Berührungen als kitzelig oder unangenehm, während sie festen Druck eher als ruhig und vorhersehbar erleben.

Die Idee, dass Tiefendruck beruhigt, geht zu einem großen Teil auf Temple Grandin zurück. Sie erfand eine sogenannte Umarmungsmaschine, die den Körper von der Seite zwischen zwei gepolsterten Platten zusammendrückt, und nutzte sie auch selbst. 1992 beschrieb sie, wie dieser Druck ihr Ruhe gab. Das waren vor allem ihre eigenen Erfahrungen und Beobachtungen.

Ein Gewichtskuscheltier von 1 bis 2 kg ist etwas ganz anderes als eine Maschine, die den ganzen Körper umschließt. Es gibt einen weichen, festen Druck an einer Stelle, zum Beispiel auf deinem Schoß oder in deinen Armen. Und du bestimmst selbst, wann du es nimmst und wieder weglegst. Das gibt dir die Kontrolle, und auch das kann viel Ruhe geben. Mehr über das Prinzip liest du unter Tiefendruck.

Was sagt die Forschung über Autismus und beschwerte Hilfsmittel?

Die Forschung zu Gewichtskuscheltieren selbst steht noch am Anfang. Bei Autismus wurden sie noch nicht untersucht. Was wir wissen, stammt von der Maschine von Temple Grandin, von Gewichtsdecken und von Gewichtswesten.

Eine kleine Studie aus dem Jahr 1999 mit ihrer Maschine bei zwölf autistischen Kindern fand, dass Eltern, die nicht wussten, welche Variante ihr Kind bekam, nach den Sitzungen mit Druck weniger Anspannung sahen. Körperliche Messungen veränderten sich kaum, und die Forschenden selbst nannten ihre Ergebnisse vorläufig.

Die größte Studie zu Decken bei autistischen Kindern stammt von Forschenden aus London, Oxford und York. Dort schliefen 67 Kinder von 5 bis 16 Jahren mit schweren Schlafproblemen zwei Wochen unter einer Gewichtsdecke und zwei Wochen unter einer normalen Decke, die genauso aussah. Ihr Schlaf und ihr Verhalten veränderten sich nicht. Trotzdem bevorzugten Kinder und Eltern die Gewichtsdecke, und sie wurde gut vertragen. Auch in einer Rückblickstudie mit Kindern und Erwachsenen mit ADHS und/oder Autismus, die bereits eine Gewichtsdecke hatten, waren viele Nutzerinnen und Nutzer zufrieden. Dort gab es allerdings keine Vergleichsgruppe.

Gewichtswesten, die Kinder tagsüber tragen, zeigten in zwei Übersichtsarbeiten bei Autismus keine deutliche Wirkung. Die amerikanische Kinderärztevereinigung AAP nennt die Forschung zu sensorischen Therapien begrenzt. Sie rät, vorher Ziele festzulegen und festzuhalten, ob ein Ansatz etwas bringt. Den Unterschied zwischen einem Kuscheltier, einer Weste und einem Kissen liest du in Gewichtskuscheltier, Gewichtskissen oder Gewichtsweste.

Was bedeutet das für dich? Wenn ein Kind oder eine erwachsene Person ein Gewichtskuscheltier angenehm findet, ist das wertvoll. Achte vor allem darauf, was die Person selbst erlebt, und erwarte keine großen Veränderungen bei Schlaf, Verhalten oder Konzentration. Einen breiteren Überblick findest du in Hilft ein Gewichtskuscheltier wirklich?

In welchen Momenten kann ein Gewichtskuscheltier nützlich sein?

Ein Ruhepunkt mit Gewicht kann in Momenten willkommen sein, die viel verlangen:

  • Nach der Schule oder der Arbeit, wenn der Tag noch nachhallt und erst einmal Ruhe nötig ist.
  • Bei Übergängen, etwa vom Spielen zum Essen oder von draußen nach drinnen.
  • Beim Warten, im Auto oder in einem Wartezimmer.
  • Vor dem Schlafengehen, als fester Teil des Abendrituals, auf dem Schoß oder neben dir auf dem Sofa.

Bei Kindern kommt das Kuscheltier während des Nachtschlafs nicht mit ins Bett. Nutze es beim Vorlesen oder auf dem Schoß und nimm es weg, wenn dein Kind schläft. Ist dein Kind schon reizüberflutet, dann kann ein ruhiger, reizarmer Ort zuerst wichtiger sein. Das Kuscheltier kann dort danach einen schönen Platz bekommen. Wie du Reizüberflutung erkennst, liest du im Artikel über Reizüberflutung.

Wie bietest du das Kuscheltier behutsam an?

Autistische Menschen unterscheiden sich stark darin, was sie angenehm finden. Die eine Person sucht festen Druck, die andere empfindet Berührung oder Gewicht eher als unangenehm. Auch der Stoff spielt eine Rolle: Weicher Plüsch fühlt sich für die eine Person schön an und für die andere kratzig oder zu warm. Lass die Person deshalb selbst wählen, auch bei Form, Stoff und Moment. So wird das Kuscheltier wirklich zu etwas Eigenem.

Ein paar Tipps für den Anfang:

  • Leg das Kuscheltier an einen festen Platz, damit dein Kind es selbst nehmen kann, wenn es das braucht.
  • Erklär in einfachen Worten oder mit einem Bild, was es ist und was man damit machen kann.
  • Fang kurz an und schau gemeinsam mit deinem Kind, wie es sich anfühlt.
  • Achte auf Signale ohne Worte: Wegschieben, Wegdrehen, Erstarren oder auch unruhiger werden. Nimm das Kuscheltier dann sofort weg.

Mehr allgemeine Tipps für Kinder, etwa zur Aufsicht und zum richtigen Alter, findest du in Ein Gewichtskuscheltier für dein Kind.

Ist ein Gewichtskuscheltier auch etwas für autistische Erwachsene?

Ja, auf jeden Fall. Viele Informationen über Autismus drehen sich um Kinder, dabei können autistische Erwachsene genauso einen Ruhemoment brauchen. Ein weiches Gewicht auf dem Schoß kann dann ein schöner, vertrauter Halt sein.

Als erwachsene Person bestimmst du selbst, wie du das Kuscheltier nutzt: auf dem Sofa nach der Arbeit, auf dem Schoß während eines Online-Meetings oder neben dir im Bett. Leg es nicht auf deine Brust, wenn du schlafen gehst. Wähl ein Gewicht, das du leicht selbst hochheben kannst. Passt ein kindliches Tier nicht zu dir, gibt es auch schlichte Formen.

Wann holst du dir Unterstützung aus der Ergotherapie?

Eine Ergotherapeutin oder ein Ergotherapeut kann gemeinsam mit dir oder deinem Kind herausfinden, welche Reize schwierig sind und welche Hilfsmittel dazu passen. Das ist hilfreich, wenn du unsicher bist, wenn dein Kind oft reizüberflutet ist oder wenn sich auch in der Schule etwas ändern muss. An der Schule kannst du auch die Klassenlehrkraft oder die Ansprechperson für Förderung einbeziehen.

Hol dir zuerst medizinischen Rat bei Problemen mit der Atmung, dem Herzen oder dem Kreislauf, bei Schlafapnoe, Epilepsie, wenig Muskelkraft, empfindlicher Haut oder verminderter Wachheit. Das geht in der Hausarztpraxis oder in der Kinderarztpraxis. Kann jemand das Kuscheltier nicht selbst wegschieben, dann ist es nicht geeignet.

Möchtest du wissen, wofür Gewichtskuscheltiere noch genutzt werden, dann schau unter Vorteile und Anwendungen.

Häufige Fragen

Kann ein Gewichtskuscheltier bei einem Meltdown helfen?

Bei einem Meltdown oder Shutdown ist ein Mensch von Reizen überflutet. Dräng dann nichts auf, auch kein Kuscheltier. Sorg für einen ruhigen, sicheren Ort und leg das Kuscheltier in Reichweite. So kann die Person es selbst nehmen, wenn es angenehm ist, und gerade das gibt oft ein Gefühl von Halt.

Mein autistisches Kind will das Gewichtskuscheltier nicht. Was nun?

Das ist eine klare Antwort, und das ist in Ordnung. Manche Kinder empfinden das Gewicht oder den Stoff als unangenehm. Lass das Kuscheltier an einem festen Platz liegen, ohne zu drängen, oder probier später ein leichteres oder anderes Kuscheltier. Entscheidet sich dein Kind auch dann nicht dafür, ist das völlig in Ordnung: Es gibt genug andere Wege, Ruhe zu finden.

Ist ein Gewichtskuscheltier auch für Erwachsene mit Autismus geeignet?

Ja, es gibt keine Altersgrenze nach oben. Auch Erwachsene nutzen gern beschwerte Hilfsmittel, und ein Teil der Forschung zu Gewichtsdecken wurde mit Erwachsenen gemacht. Wähl ein Gewicht, das du leicht selbst hochheben kannst, und eine Form und einen Stoff, die zu dir passen.

Quellen 5Worauf dieser Artikel beruht
  1. American Academy of Pediatrics, Section on Complementary and Integrative Medicine & Council on Children with Disabilities (Zimmer, M., & Desch, L.) (2012). Sensory integration therapies for children with developmental and behavioral disorders. Pediatrics, 129(6), 1186–1189. doi.org/10.1542/peds.2012-0876
  2. Grandin, T. (1992). Calming effects of deep touch pressure in patients with autistic disorder, college students, and animals. Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology, 2(1), 63–72. doi.org/10.1089/cap.1992.2.63
  3. Edelson, S. M., Edelson, M. G., Kerr, D. C. R., & Grandin, T. (1999). Behavioral and physiological effects of deep pressure on children with autism: a pilot study evaluating the efficacy of Grandin's Hug Machine. American Journal of Occupational Therapy, 53(2), 145–152. doi.org/10.5014/ajot.53.2.145
  4. Gringras, P., Green, D., Wright, B., Rush, C., Sparrowhawk, M., Pratt, K., Allgar, V., Hooke, N., Moore, D., Zaiwalla, Z., & Wiggs, L. (2014). Weighted blankets and sleep in autistic children—a randomized controlled trial. Pediatrics, 134(2), 298–306. doi.org/10.1542/peds.2013-4285
  5. Stephenson, J., & Carter, M. (2009). The use of weighted vests with children with autism spectrum disorders and other disabilities. Journal of Autism and Developmental Disorders, 39(1), 105–114. doi.org/10.1007/s10803-008-0605-3

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